Jürgen war mein direkter Vorgänger. Er hat das Amt acht Jahre lang vom 1.11.2006 bis zum 31.10.2014 ausgefüllt und es natürlich auf seine Weise gemacht. Langjährige Erfahrung in der Kommunalpolitik hatte Jürgen da schon. Er war über Jahrzehnte Mitglied im Rat der Gemeinde Melbeck, dem Rat der Samtgemeinde Ilmenau und dem Lüneburger Kreistag. Die Mitgliedschaften in den verschiedenen Ausschüssen lassen sich kaum auflisten. Mit all dieser Erfahrung im Gepäck nahm er die Geschicke der Samtgemeinde in die Hand und prägte seine Amtszeit. In diese Zeit gehört sicherlich die Umwandlung der Haupt – und Realschule Embsen in eine Integrierte Gesamtschule mit dem Erfordernis, den gesamten Altbau dafür zu benötigen. Also fädelte Jürgen beim Landkreis ein, dass hinter die neu zu errichtende Mensa gleich eine neue Grundschule gebaut wird. Das ersparte der Samtgemeinde nicht nur viel Geld, sondern auch viel Arbeit, denn Bauherr war der Landkreis. 2014 wurde die Eröffnung in seinem letzten Amtsmonat gefeiert. Auch der Radweg Melbeck-Kolkhagen wurde von Jürgen initiiert und mit reichlich Fördergeld umgesetzt. Die ersten Windräder wurden aufgestellt und bescherten den Gemeinden erhebliche Gewerbesteuereinnahmen. Der Brand bei Zajons konnte auch dank seiner engen Zusammenarbeit mit dem damaligen Gemeindebrandmeister Uwe Hauschild ohne Personenschaden gelöscht werden. Jürgen war auf dem Weg zu einer Sitzung, sah im Rückspiegel die riesige Rauchsäule, ahnte gleich, was da wohl brennt und drehte sofort um. Die Einheitsgemeinde kam nicht. Jürgen ließ dafür eine Projektgruppe unter dem Vorsitz von Hubert Ringe einrichten, doch alle Argumente halfen nicht, den Barnstedter Rat umzustimmen. In einer denkwürdigen Parallelsitzung der Räte stimmte Barnstedt dagegen und da Einstimmigkeit gefordert war, blieb alles beim Alten.
Über Jürgen kursieren im Rathaus natürlich viele Anekdoten, die zum Schmunzeln sind. Sein Schreibtisch hatte drei Elemente: Link und rechts über Eck zwei große Platten und in der Mitte ein kleines verbindendes Dreieck. Es hieß, links war für den DFB, rechts für Schalke, die Angeltouren und den SV Ilmenau und in der Mitte fand die Samtgemeinde statt. Das war natürlich nicht so. Was allerdings stimmt: Wer was mit Jürgen zu besprechen hatte, musste mit ihm vor die Tür, wo sich Jürgen dann eine Zigarette ansteckte. Ab da lief die Zeit – eine Zigarettenlänge hatte man für sein Anliegen, danach ging er wieder in sein Büro und schloss die Tür hinter sich. Jürgen hatte einen gesegneten Appetit und konnte Multi-Tasking. Als ich für die Samtgemeinde Ilmenau in den Kreistag gewählt wurde, lautete die erste Frage, ob ich auch immer ganz ungeniert den „Kicker“ lesen würde, wenn Sitzungen sind. Jürgen konnte das ganze Heft akribisch durchlesen und wusste doch ganz genau, wer was gesagt und wer wie abgestimmt hatte. In der Runde der hauptamtlichen Bürgermeister wurde ich mit den Worten begrüßt „Na guck – Ilmenau sitzt nicht bei den Brötchen. Das ist neu.“
Wir haben uns anschließend noch oft bei den Heimspielen des SVI getroffen. Jürgen saß unter dem Vordach, in sein Handy vertieft und die Ergebnisse auf den anderen Plätzen verfolgend, seine Zigaretten und ein Duckstein auf dem Tisch und in der Pause gab es die obligatorische Bratwurst. Über die Arbeit im Rathaus konnte man mit ihm immer noch bis ins Detail reden und über Förderprogramme für Sportstätten hatte er lexikonartiges Wissen. Aber er hatte viel mehr Spaß daran, zu erzählen, wie er sich als Stürmer bei seinem Gegenspieler mit mehreren Toren für unentwegtes verdecktes Foulspielen revanchierte. Irgendwann Ende der Siebziger im Dauerregen mit kaputter Brille und voller Matsch.
Sein Platz unter dem Vordach bleibt nun leer. Ich werde ihn arg vermissen. Lebe wohl, Jürgen.
Peter Rowohlt